Artikelbild Dr. Clemens Auer Sonderbeauftragter im Gesundheitsministerium

 von Gabriele Tupy

Lebenswelt Heim: Herr Dr. Auer, Sie sind nationaler Koordinator der Covid-Impfung. Zuerst soll in Österreichs Alten- und Pflegeheimen geimpft werden. Wie überzeugen Sie MitarbeiterInnen und BewohnerInnen, dass sie sich impfen lassen sollen?

Dr. Clemens Auer: Wir wollen auf die grandiosen Entwicklungen und Erfolge der Impfforschung in den vergangenen Jahrzehnten verweisen. Impfen wird immer sicherer und bietet eine weitgehende Sicherheit, die Verbreitung von Krankheiten aber auch der Überlastung von Gesundheitssystemen weltweit entgegen zu wirken. Es gilt, alle Menschen auf dies aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein, aber auch ein entsprechendes Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Gesellschaft zu vermitteln, sich auf COVID-19 impfen zu lassen. Aber ganz besonders gilt in Alten- und Pflegeheimen: Die Gefahr, sich zu infizieren, schwer zu erkranken oder sogar zu versterben ist ein keinem anderen Bereich so drastisch wie in Alten- und Pflegeheimen. Daher denke ich, dass alle ein hohes moralisches Interesse haben, sich impfen zu lassen damit wieder ein angstfreies Leben in den Heimen möglich wird.

Lebenswelt Heim: Können Sie kurz erklären, auf welcher Basis die neuen mRNA-Impfstoffe funktionieren?

Dr. Clemens Auer: Zu mRNA-Impfstoffen wird bereits seit über 20 Jahren geforscht und die mRNA-Technologie selbst ist sehr gut untersucht. Dank neuer Lipid-Nanopartikeltechnologien zur Stabilisierung der sonst sehr instabilen mRNA ist es heute möglich, diese durch Injektion in Zellen einzuschleusen. Im Unterschied zu klassischen Impfstoffen, bei denen Antigene in verschiedener Form z.B. inaktivierte Erreger, rekombinante Proteine oder virus like particles dem Immunsystem angeboten werden, wird mit mRNA-Impfungen nur der Bauplan in Form der so genannten „messenger-RNA“ für Virusproteine zur Verfügung gestellt. Diese Information wird im Zytoplasma, also außerhalb des Zellkerns der Zellen, in die sie durch Verschmelzen des Lipidnanopartikels mit der Zellmembran gelangt, von Ribosomen wie jede andere körpereigene mRNA abgelesen und das in der mRNA codierte Virusprotein produziert. Auf diese Weise wird das SARS-CoV-2 Spike-Oberflächenprotein von den menschlichen Zellen selbst produziert und dann an die Zelloberfläche transportiert. Dort wird es von speziellen Immunzellen als fremd erkannt und regt das Immunsystem dazu an, Antikörper und spezifische T-Zellen gegen SARS-CoV-2 zu produzieren. Die mRNA gelangt nicht in den Zellkern, wird nicht in DNA eingebaut und hat keinen Einfluss auf die menschliche Erbinformation, weder in Körperzellen noch in Fortpflanzungszellen, d.h. eine „Insertionsmutagenese“ kann darum nicht auftreten. Wie viele andere, sich in der Zelle befindlichen mRNA Moleküle wird auch diese mRNA in den Zellen rasch binnen weniger Tage abgebaut.

Lebenswelt Heim: Welche Impfstoffe kommen in den Alten- und Pflegeheimen in den nächsten Wochen zum Einsatz?
mRNA-Impfstoffe von von BioNTech/Pfizer (Arbeitstitel BNT162b2) und Moderna (Arbeitstitel mRNA-1273). Diese beiden Impfstoffe werden nach ihrer Zulassung zeitnahe in Österreich zur Verfügung stehen.


Lebenswelt Heim: Was weiß man bisher über mögliche Nebenwirkungen und Folgeschäden?

Dr. Clemens Auer: mRNA-Impfstoffe aktivieren das Immunsystem sehr gut und sind daher „reaktogener“ als viele andere Impfstoffe, da sie die Ausschüttung zahlreicher Botenstoffe (Zytokine) provozieren, die systemische und lokale Wirkungen hervorrufen können. Mit einem gehäuften Auftreten von „Impfreaktionen“ muss daher gerechnet werden: Diese können zwar unangenehm sein, sind aber grundsätzlich nicht gefährlich und als ein Zeichen der normalen Auseinandersetzung des körpereigenen Immunsystems mit dem Impfstoff zu sehen. Folgende Reaktionen sind zu erwarten:  lokal an der Impfstelle Rötung, Schwellung und Schmerzen unterschiedlicher Intensität und systemisch können Symptome wie z.B. Müdigkeit, Kopfschmerzen, leichtes Fieber, und allgemeines „grippiges“ Krankheitsgefühl gehäuft auftreten. Diese Impfreaktionen treten üblicherweise bereits kurz nach der Verabreichung auf und klingen in den meisten Fällen binnen 1–2 Tagen von alleine folgenlos ab. Frequenz und Intensität der Impfreaktionen ist zumeist nach der zweiten Teilimpfung deutlich ausgeprägter. Ältere Personen zeigen allgemein weniger Impfreaktionen. Eine unterstützende symptomatische Behandlung (Antipyretika, Antiphlogistika, z.B. mit Paracetamol) und/oder ggf. lokal mit kühlenden Umschlägen kann angedacht werden. In die placebokontrollierten Zulassungsstudien von BioNTech/Pfizer wurden rund 44.000 Studienteilnehmer eingeschlossen, in die Studien von Moderna rund 30.000. Dennoch ist es möglich, dass seltene (≥1/10.000 bis <1/1.000) und sehr seltene Nebenwirkungen (<1/10.000) in diesen Studien nicht oder nur unzureichend erfasst werden können, wie dies auch bei der Neu-Zulassung anderer Impfstoffe/Medikamente der Fall ist. Um derartig seltene Nebenwirkungen sicher zu erkennen, sind die Hersteller verpflichtet, eine gezielte Überwachung der Nebenwirkungen nach der Marktzulassung durchzuführen. Besonders bei selteneren „Nebenwirkungen“ ist immer zu berücksichtigen, ob die Anzahl derartiger Beobachtungen sich von gleichgearteten Beobachtungen in einer nicht geimpften Population unterscheidet („Hintergrundinzidenz“). Allein der zeitliche Zusammenhang mit der Impfung ist hier nicht als ausreichende Begründung für eine Kausalität anzusehen.

Lebenswelt Heim: Wenn es Bedenken gibt, Sorgen, Ängste, sich impfen zu lassen, wohin kann man sich wenden?

Dr. Clemens Auer: Viele Fragen zu den Sorgen und Ängsten rund um die Impfungen haben wir bereits gesammelt und sind in unserer Fragensammlung beantwortet (FAQ: COVID-19-Impfung (sozialministerium.at)). Informationsbroschüren in leicht verständlicher Sprache für Bewohnerinnen/Bewohner und Angehörige stehen für die Alten- und Pflegeheime zur Verfügung und wurden bereits übermittelt. Darüber hinaus gibt es die Telefon-Hotline 0800 555 621 bei der AGES, die 24/7 zur Verfügung steht und wo auch Fragen zur Impfung kompetent beantwortet werden. Diese Fragen und Anliegen werden natürlich ebenfalls gesammelt, von einer Gruppe an Expertinnen und Experten beantwortet und in der Fragensammlung ergänzt. Darüber hinaus kann man sich natürlich an seine Ärztin / seinen Arzt des Vertrauens wenden.
Siehe auch: https://kurier.at/politik/inland/corona-impfung-wird-am-montag-in-eu-zugelassen-anschober-startet-impf-hotline/401135502

Lebenswelt Heim: Einerseits wird kommuniziert, dass es keine Impfpflicht geben werde, andererseits schwebt eine Impfpflicht für das Personal in den Alten- und Pflegeheimen wie im Klinikbereich im Raum. Der Lebenswelt Heim Bundesverband wie auch der ÖGKV betonten in den letzten Tagen, dass die Impfung auch für das Pflegepersonal freiwillig sein müsse. Ist sie freiwillig – oder „haben die Rechtsträger eine Fürsorgepflicht und müssen deshalb in die Verpflichtung genommen werden, dafür zu sorgen, dass sich eine Impfbereitschaft bei den BewohnerInnen und letztlich auch beim eigenen Personal durchsetze“?
 
Dr. Clemens Auer: So wie die Bundesregierung und andere Regierungsvertreterinnen und -vertreter immer wieder unterstrichen haben, möchte auch ich nochmals anmerken, dass es keine allgemeine Impfpflicht geben wird. Die Regierung setzt auf Freiwilligkeit und Aufklärung. Jede Person, die sich impfen lassen möchte, wird sich impfen lassen können. Weil anfangs nicht genug Impfstoffe zur Verfügung stehen, um alle gleichzeitig impfen zu können, werden zu Beginn die Personen geimpft, die das höchste Risiko haben. Danach können schrittweise alle anderen geimpft werden. Wir sind zuversichtlich, dass ab dem 2. Quartal ausreichend Impfstoffe zur Verfügung stehen, damit alle geimpft werden können, die sich impfen lassen möchten. Wir sind zuversichtlich, dass viele Personen dieses kostenlose und freiwillige Angebot annehmen werden und sich auch ohne Verpflichtung impfen lassen. Die Impfung ist ein enorm wichtiger Schritt im Kampf gegen die schwerste Pandemie seit hundert Jahren und wir alle können dazu beitragen, die Situation zu entschärfen, indem wir uns impfen lassen. Die Bevölkerung wird über die Vorteile und die Wichtigkeit der COVID-19-Impfung entsprechend aufgeklärt werden. Eine entsprechende Aufklärungskampagne der österreichischen Bundesregierung ist gerade in der Finalisierung.

Lebenswelt Heim: Die Alten- und Pflegeheime sind mit der Pandemie schon das ganze Jahr hindurch an der absoluten Grenze ihrer Belastbarkeit. Jetzt sollen sie eine weitere Aufgabe übernehmen und Impfbeauftragte benennen, die für die Abwicklung der Impfung in den Heimen verantwortlich sind. Welche Unterstützung erhalten sie? Können andere Themen wie z.B. Besuchsmanagement, Sicherstellung der Information aller MitarbeiterInnen, … ausgelagert werden?

Dr. Clemens Auer: Uns ist bewusst, dass diese zusätzliche Aufgabe gerade in diesen Zeiten der hohen Arbeitsbelastung keine leichte ist. Wir versuchen die Impfbeauftragten mit Informationsmaterial so gut wie möglich von unserer Seite zu unterstützen und gleichzeitig den Prozess so unkompliziert wie möglich zu gestalten. Die Impfbeauftragten sind in der praktischen Organisation vor Ort die Schlüsselpersonen, können und sollen sich aber natürlich für die einzelnen Aufgaben je nach Bedarf und Möglichkeit Unterstützung holen. Wie bei vielen Fragestellungen in der Pandemie sind wir hier alle in der Gesellschaft gefordert, zusammen zu helfen um diesen wichtigen Schritt in der Pandemiebekämpfung rasch und konsequent umzusetzen.

Lebenswelt Heim: Herzlichen Dank für das Gespräch!
 

Gabriele Tupy
imzusammenspiel kommunikationsmanagement
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